28 May 2017

Home > Umwelt > Spanien – die Wüste wächst

Zu Zeiten der Römer schrieb der Geograph Strabon, Spanien sei von Norden bis Süden so durchgängig bewaldet, dass ein Eichhörnchen das ganze Land durchqueren könne, ohne den Boden berühren. Bis ins Mittelalter hinein blieb die Halbinsel zu fast 90% mit Laub- und Nadelwäldern bedeckt, und nur 8% waren Steppe. Seitdem hat sich einiges geändert. Heute gelten laut dem Institut für Desertifikations-Forschung in Valencia 10% Spaniens als Wüste. Laut Berichten der Vereinten Nationen ist mindestens ein Drittel des Landes von fortschreitender Wüstenbildung bedroht oder betroffen.

Doch scheinen die Spanier sich zu sehr an derartige Phänomene gewöhnt zu haben, um sie noch als gefährlich zu empfinden. Nachrichten von Wildfeuern, vertrockneten Brunnen, Sturzwassern, Überschwemmungen und Versalzung sind zu häufig, um angemessen wahrgenommen zu werden. Sonne, Meer und Tourismus sind für Spaniens Wirtschaft unverzichtbar – etwa ein Drittel des Bruttosozialprodukts stammt aus Fremdenverkehr und Bauindustrie. So war über Jahre hinweg der Anreiz, immer mehr Touristendörfer, Hotels und Golfplätze zu bauen, unwiderstehlich.

In den 1950er Jahren galt Andalusien als das Armenhaus Spaniens. Seit der Jahrtausendwende weist die Region durch Tourismus, Baugewerbe und industrielle Landwirtschaft das gleiche rasante Wachstum auf wie der Rest des Landes. Die industrielle Agrarwirtschaft brachte den Aufschwung, doch mit den steigenden Einkommen sank der Grundwasserspiegel. Der Bauboom und der sogenannte Qualitätstourismus mit seinen obligatorischen Golfplätzen mit extraorbitantem Wasserverbrauch trugen ihren Teil dazu bei.

Der Begriff Desertifikation beschreibt den Prozess der Ausbreitung wüstenähnlicher Bedingungen in Regionen, deren natürliche klimatische Verhältnisse sie eigentlich nicht zulassen würden. In Spanien ist es keineswegs die Sahara, die sich auf dem Vormarsch in Richtung Norden befindet – vielmehr machen sich die Spanier ihre Wüsten selbst. Vor allem die Vergeudung von Wasser führt zur Versalzung der Böden und zu Erosion. Längst wird in vielen Gegenden Spaniens mehr Wasser verbraucht als zur Verfügung steht, weshalb das lebenswichtige Nass aus Stauseen im Landesinnern oder aus Nordspanien eingeführt wird. Dort fehlt dieses Wasser dann, und der Austrocknungsprozess setzt sich weiter fort.

Ein weiterer wegbereitender Faktor sind die jeden Sommer wiederkehrenden Waldbrände, von denen lediglich 4% natürliche Gründe haben. Der Rest ist vom Mensch verursacht, und so manches Feuer ebnete einem Bauprojekt den Weg. Sogar das Wallfahrtsziel Santiago de Compostela im nordwestlichen Galizien wurde durch Waldbrände bedroht, während im katalonischen Gerona ganze Dörfer evakuiert werden mussten. Zwar werden große Flächen mit schnell wachsenden Arten wie Eukalyptus oder Monterrey Kiefer wieder aufgeforstet, doch scheint man dabei vergessen zu haben, dass diese oft leichter entflammbar sind als heimische Arten. Dazu kommt das bekannte Problem, dass Eukalyptus Substanzen absondert, die kleinere einheimische Pflanzen im Wachstum behindern. Hierdurch verarmt der Boden oft genauso schnell wie vorher.

Desertifikation ist nur sehr schwer oder gar nicht rückgängig zu machen. Um sie zu stoppen, müssen ihre Symptome früh erkannt und bekämpft werden. Doch die Wissenschaft hat in Spanien nach wie vor einen schweren Stand, und Politiker kümmern sich nicht sonderlich um Expertenmeinungen. Während die Wirtschaft über Jahre überdurchschnittlich wuchs, verletzte Spanien mehr als jedes andere europäische Land das Kyoto-Abkommen zur Bekämpfung des Klimawandels. Umweltaktivismus mit Rückendeckung durch politische Lobbies nach deutschem Muster entwickelt sich zwar, ist aber noch nicht stark genug, um wirksam Einfluss nehmen zu können. Der politische Wille für eine entscheidende Richtungswende fehlt weiterhin.

Kategorie: Umwelt

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